01.04.2019 / Verfasser: Benjamin Lutzenberger

Verpasster Flug wegen zu langer Warteschlange

Wer angesichts zu langer Schlangen am Flughafen seinen Flug verpasst, kann Schadensersatzansprüche gegen den Reiseveranstalter haben. Es gilt jedoch Vorsicht: wer nicht aufpasst, der bekommt schnell eine Mitschuld und kann auf dem eigenen Schaden sitzen bleiben.

Grundsätzlich schuldet der Reiseveranstalter einer Pauschalreise eine reibungslose
Durchführung der Reise und ist damit verantwortlich für alle Dienstleister, die er für die Durchführung einsetzt. Dies betrifft insbesondere Fluggesellschaften und Hotelbetreiber. Kommt es zu Problemen, wie Flugverspätungen oder Baulärm im Hotel, kann daher Schadensersatz und Reisepreisminderung direkt vom Reiseveranstalter verlangt werden. Es spielt keine Rolle, ob die Reisenden, beispielsweise wegen Rechten aus der Fluggastrechteverordnung, gegen die Fluggesellschaften direkt vorgehen könnten. Der vorliegende Fall befasst sich mit demZusammentreffen der Pflichten von Reisenden, selbstständig rechtzeitig am Flughafen zu erscheinen, mit den Pflichten der Fluggesellschaften, die
rechtzeitige Abfertigung der Fluggäste sicherzustellen. Die Situation betrifft damit keinen Standardfall der Fluggastrechteverordnung.

Trifft die Fluggesellschaft nämlich unzureichende Maßnahmen, um bei langen Schlangen eine
rechtzeitige Abfertigung sicherzustellen, sind Ansprüche der Reisenden über Minderung des Reisepreises, Schadensersatz wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit sowie Kosten für einen Ersatzflug denkbar, wenn der Flug dadurch verpasst wird. Die Reisenden dürfen diesen Fall jedoch nicht sehenden Auges eintreten lassen und müssen versuchen, die Aufmerksamkeit von Mitarbeitern zu erlangen, um eine rechtzeitige Abfertigung zu erwirken.

Im konkreten Fall hatte das Amtsgericht München (Az. 154 C 2636/18) über diese Punkte zu
entscheiden. Eine Familie verpasste den Hinflug für die gebuchte Pauschalreise, weil die Warteschlange am Check-In so lang war, dass trotz Ankunft am Flughafen mehr als zwei Stunden vor Abflug der Check-In Schalter zu spät erreicht wurde, um noch zum Flug gelangen zu können. Dazu kam es, weil die betroffene Fluggesellschaft am gleichen Schalter zwei verschiedene Flüge abfertigte. Die Fluggesellschaft versuchte lediglich, durch einzelne Mitarbeiter, die die Schlange auf und ab gingen, die Aufmerksamkeit betroffener Passagiere innerhalb der Warteschlange zu erlangen, um diese dann an der Schlange vorbei zu führen und bevorzugt abzufertigen. Die Kläger haben diese Versuche jedoch schlicht nicht bemerkt.

Nach Ansicht des Amtsgerichts hätte die Fluggesellschaft versuchen müssen, sämtliche wartenden
Passagiere zu informieren, etwa über Lautsprecherdurchsagen oder persönliches Ansprechen aller Passagiere. Gerade bei längeren Wartezeiten kann es nicht von den Passagieren erwartet werden, jederzeit Ausschau zu halten nach Mitarbeitern, die eventuell kleinere Gruppe ansprechen. Genauso wenig kann erwartet werden, dass Passagiere selbstständig die Warteschlange überspringen und sich vordrängeln.

Gleichzeitig stellt das Gericht aber auch klar, dass ein Nichtstun in dieser Situation eine
Mitschuld der Reisenden auslöst. Die Kläger hätten zumindest eine Nachfrage stellen müssen, um das Verpassen des Fluges zu verhindern. Das Gericht kürzte die Ansprüche daher um die Hälfte.

Das Urteil steht im Einklang mit einem Beschluss des BGH (Az. III ZR 48/17) und einem Urteil des AG
Erding (Az. 8 C 1143/16), die den Passagieren einen Anspruch im Falle verzögerter Abfertigung bei der Sicherheitskontrolle einräumen - wenn sie denn ausreichend vorher da waren.

Fazit: wenn es am Flughafen trotz rechtzeitiger Ankunft knapp wird, heißt es nicht nur Augen und
Ohren offen halten, sondern auch gezielt Mitarbeiter ansprechen. Wird der Flug trotzdem verpasst, steht Ersatzansprüchen nichts im Weg.

Benjamin Lutzenberger
Rechtsanwalt